Anlass zu diesem Beitrag sind die besorgniserregenden Berichte über den gesundheitlichen Zustand und die offenbar abnehmende körperliche – vielleicht auch geistige - Leistungsfähigkeit unserer Kinder. Sie alle kennen die Artikel in der Presse und Fachliteratur und haben sicher auch ein eigenes Bild vom körperlichen und geistigen Zustand der Kinder in ihrer Einrichtung. Da diesbezüglich allgemein Einigkeit besteht, wollen wir hierzu im Folgenden nicht näher eingehen. Doch allein das Aufzeigen der Missstände bringt keine Änderung der Situation. Ohne die Entwicklung zu dramatisieren sehen wir es doch als dringend notwendig an, die Bedeutung von Bewegung für die kindliche Entwicklung stärker zu betonen. Wichtig ist Hintergrundinformationen zu vermitteln und praktische Möglichkeiten der Umsetzung der Bewegungsförderung aufzuzeigen. Beides möchten wir mit den folgenden Ausführungen erreichen.
Während Zusammenhänge von Bewegung und sozialer Kompetenz durch Autoren wie Renate Zimmer u.a. auf Fachtagungen und in der Fachliteratur schon vielfach betont wurden, sollen in unserem Beitrag die Informationen schwerpunktmäßig auf biologischen Faktoren liegen.
Genetischer Reifungsplan und Bewegung
Die Entwicklung eines Kindes wird einerseits durch seinen genetischen Reifungsplan bestimmt. Das genetische Material gibt dabei einen Rahmen vor, innerhalb dessen sich ein Mensch entwickeln kann, aber auch einen gewissen Zeitplan dafür. Es ist darin festgelegt, wann Muskeln und Knochen reifen, aber auch die Wachstumsphasen oder die Entwicklung des Nervensystems. Dabei dürfen wir Reifung nicht mit Wachstum gleich setzen. Reifung bedeutet immer auch einen Qualitätssprung in der Funktion und Belastbarkeit. Neben dem genetischen Plan hängt es andererseits aber von der Art und Weise der Förderung eines Kindes ab, in wieweit die gegebenen Entwicklungsmöglichkeiten auch tatsächlich ausgeschöpft werden. Es bedarf ausreichend starker Entwicklungsreize, um die Reifungsvorgänge zu stimulieren. Solche Reize sind optische, akustische oder taktile Sinnesreize und eben in allererster Linie Bewegung.
Wie gut die Ausnutzung der individuellen genetischen Möglichkeiten erfolgt, entscheidet sich schon in den ersten Lebensjahren, wobei die Bewegungsaktivität des Kindes von ganz besonderer Bedeutung ist!
Das bedeutet aber auch:
Ein Fehlen von Reizen auf Grund von mangelnden Bewegungsangeboten in den entscheidenden Jahren führt zu einer ungenügenden Ausnutzung der individuellen Möglichkeiten. Entwicklungsdefizite sind die Folge, die gar nicht oder nur sehr schwer ausgeglichen werden können. Da unser Reifungsplan für bestimmte Entwicklungsschritte nur begrenzte Zeitfenster vorsieht, sind manche Entwicklungsphasen später nur noch sehr schwer nachzuholen. Einige Beispiele sollen das nachfolgend illustrieren.
Abb. 1
Mehr Bewegung – stärkere Knochen
Die meisten Knochen des Skeletts bestehen bei Geburt noch nicht aus echter Knochensubstanz, sondern einem Ersatzgewebe aus Knorpel. Die Einlagerung von fester Knochensubstanz durch knochenbildende Zellen erfolgt erst mit der Belastung des Bewegungsapparates im Kindes- und Jugendalter – genetisch gesteuert und durch Bewegung stimuliert.
Dabei nimmt die Dichte und damit seine Stabilität zu. Der Knochen erreicht dann etwa in der Mitte des dritten Lebensjahrzehnts seine größte Dichte. Diese hängt einmal von der Ernährung in den zurückliegenden Jahren ab und von dem Bewegungsangebot. Durch stauchende und biegende Bewegung verfestigt sich die Knochenstruktur. Fehlt das Hüpfen und Springen in den ersten Jahren, rächt sich das später sehr. Frühzeitige Osteoporose kann die Folge sein. Denn mit dem Alter nimmt die Knochendichte wieder ab.
Selbst wenn die Schmerzen im Kindesalter noch nicht auftreten, so werden doch oft die Weichen für eine Fehlentwicklung schon in diesem Zeitraum gestellt. Die doppelte S-Form der Wirbelsäule entsteht etwa in den ersten 6 Lebensjahren. Die Entwicklung geht aber dann auch im Schulalter weiter, wobei sich dabei mehr und mehr die endgültige (habituelle) Form einstellt und die Wirbelsäule zudem weniger beweglich wird. Fehlstellungen sind dann mit zunehmendem Alter immer schwerer zu korrigieren.
Abb.3
Darüber hinaus prägen sich in keiner anderen Zeit Verhaltensmuster und Bewegungsabläufe so ein wie in der Kindheit. Häufig durchgeführte Bewegungsabläufe prägen sich im Bewegungsgedächtnis als sogenannte Bewegungsstereotypien, die oft ein Leben lang erhalten bleiben. Ungünstige Bewegungsmuster können sich dann auf Dauer negativ auf Muskeln und Gelenke auswirken. Aber auch grundlegende Gewohnheiten und Einstellungen zur Ernährung und zur Bewegung werden jetzt geprägt. Sowohl das Elternhaus als auch die Kindertagesstätten und Schulen tragen hier eine große Verantwortung. Wenn Bewegung Spaß macht und ein wichtiger Teil der Kindheit wird, bleibt sie häufig auch im späteren Leben von Bedeutung.
Mehr Bewegung - kräftigere Muskeln
Wenngleich bei unseren Kindern von Geburt an alle Muskeln bereits ausgebildet sind, so sind jedoch noch nicht alle gleich funktionstüchtig. Auch hierfür gibt es einen Reifungsplan. So sind z.B. die Saug- und die Greifmuskulatur sofort einsatzfähig. Andere wie die Muskeln zum Kopfheben und Rückenstrecken entwickeln sich sehr früh.
Dagegen kommen die Gesäß- und Bauchmuskeln erst wesentlich später zu ihrer vollen Funktion. Dies geschieht im Zusammenhang mit dem Aufrichten des Beckens und dem Strecken der Hüftgelenke. Ungenügende Bewegung und viel Sitzen verhindern die volle Ausprägung dieser so wichtigen Muskulatur. Da sich das Bewegungsregime mit dem Schuleintritt radikal ändert, ist es besonders wichtig, dass unsere Kinder nicht mit einem Entwicklungsrückstand in die Schule kommen. Wie wichtig z.B. die muskuläre Stabilisation des Fußes ist, zeigen unsere Untersuchungsergebnisse in Abb. 4, die den Anteil der Kinder mit gestörter Fußstatik bei Grundschulkindern ausweist.
Abb.4
Mehr Bewegung - Mehr Gesundheit
Zusammenhänge von Bewegungsmangel und Übergewicht sind hinlänglich bekannt. Bekannt ist auch, dass die Anzahl der übergewichtigen Kinder zunimmt. Damit verbunden wird darüber berichtet, dass immer häufiger Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck schon im Kindesalter auftreten. Insgesamt ist Übergewicht häufig mit anderen Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden, so z.B. auch mit der Arteriosklerose.
Erfreulich ist, dass diese negativen Tendenzen noch nicht bei den Dreijährigen erkennbar sind! Erst im späteren Kindesalter führen die ungünstigen Umwelteinflüsse zur Fettleibigkeit, die diese Kinder häufig auch ins soziale Abseits treiben. Ausreichende Bewegungsangebote und eine gesunde Ernährung würden solche Entwicklungen aufhalten.
Mehr Bewegung – Mehr im Kopf
Sprüche wie „Toben macht schlau“ (Renate Zimmer) gehen immer häufiger durch die Presse. Der Zusammenhang zwischen motorischen und geistigen Leistungen wird dabei hervorgehoben.
Im Kleinkind-, Vorschul- und Grundschulalteralter findet – genetisch geplant - die Verkopplung der Nervenzellen durch Bildung von Nervenbahnen mit ganz besonderer Intensität und Geschwindigkeit statt. Die hierfür notwendigen Sinnesreize und Spielaktivitäten sind immer auch mit Bewegung verbunden. Bewegung ist dabei selbst Sinnesaktivität, denn jede Bewegung wird ja auch über spezielle Sinnesorgane wahrgenommen. Bewegung ist damit untrennbar mit Hirnaktivität verbunden, dem entscheidenden Reiz für die Hirnreifung.
Das Gehirn speichert die Bewegungsprogramme, die ein Leben lang abrufbar sind. Das bedeutet, dass vor allem durch ein vielseitiges Bewegungsangebot in den ersten acht Lebensjahren wichtige Bewegungserfahrungen gesammelt werden sollten. Das stürmischste motorische Lernalter liegt in der Vorschul- und Grundschulzeit. Versäumnisse in dieser Lebensphase können zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr in gleicher Qualität nachgeholt werden. Der Spruch „Was Hänschen nicht lernt,...“ kennzeichnet die Situation sehr deutlich. Wer ein sehr guter Klavierspieler werden will, sollte nicht erst mit 14 Jahren anfangen. Auch sehr gute Eiskunstläufer/innen haben ihr Training mit 4 Jahren begonnen.
Unsere Kinder spielen heute schon vom Vorschulalter an häufig an elektronischen Medien. Dabei werden vor allem die Fernsinne (Auge, Ohr) der Kinder gut trainiert. Aber gerade diese Sinne sind für eine gute Körperkoordination nicht entscheidend. Wir beobachten, dass sich Kopf und Körper mehr und mehr voneinander entfernen. Ein gutes Körpergefühl ist für unsere moderne Lebensweise nicht mehr wichtig, daher verkümmert es zunehmend. Um Körpergefühl zu entwickeln sind Bewegungen, die den ganzen Körper beanspruchen, erforderlich. Diese vermitteln den Kindern ein Bild von ihrem Körper und ein Gefühl von der Lage der Gliedmaßen im Raum. Zudem wird der Gleichgewichtssinn trainiert. Diese Fähigkeiten spielen nicht zuletzt auch bei der Unfallprävention eine wichtige Rolle. Kinder, die ihre Bewegungen nicht gut koordinieren können, fallen schneller hin als andere und fallen zudem ungeschickt und verletzen sich häufig auch schwerer.
Zusammenfassung
Prof. Dr. Frank Bittmann
Annette Kuhlig